Bahntest 2010 – Warum Bahnfahren keinen Spaß macht
8. Jun 2010 - Travel-Reporter.NET
Einfach einsteigen und losfahren - das war gestern. Heute hat die Bahn vor jedes Einsteigen jede Menge Hindernisse aufgetürmt: Die Vielfalt von Tarifsystemen, Sondertarifen, Informationssystemen und Vertriebskanälen schreckt nicht nur potentielle Fahrgäste ab, sondern ist auch für Menschen, die die Bahn regelmäßig nutzen, schwer zu durchschauen. Selbst Bahn-Mitarbeiter finden sich da oft kaum durch. Dies ist das zentrale Ergebnisse des Bahntests 2010, den der Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) jetzt in Berlin vorgestellt hat. Der VCD fordert Bundesregierung, Länder und Eisenbahnunternehmen gleichermaßen auf, das Bahnfahren durch einheitliche Regelungen bei Tarifen, Fahrplänen und Verkaufskanälen attraktiver zu machen.
Mit seinem Bahntest will der VCD aufzeigen, wo die Potenziale im Bahnverkehr liegen und was getan werden muss, damit mehr Menschen auf die umweltfreundliche Bahn umsteigen. Wie schon in den vergangenen Jahren hat der VCD das Hamburger Qualitätsforschungsinstitut Quotas mit der Untersuchung zum VCD Bahntest beauftragt. In einem Panelverfahren wurden Antworten von fast 3 000 Nutzern und Nichtnutzern der Bahn ausgewertet.
Michael Gehrmann, VCD-Bundesvorsitzender: *Um möglichst viele Menschen für die Bahn zu gewinnen, muss Bahnfahren einfacher und attraktiver werden. Dazu gehören übersichtliche Fahrpreise, unkomplizierte Nutzungsmöglichkeiten und guter Service. Den Reisenden bietet sich jedoch zumeist ein ganz anderes Bild: Das Fahren mit der Bahn ist kompliziert. Dabei fällt das Urteil derjenigen, die nie oder selten die Bahn nutzen, noch schlechter aus als das der Bahnerfahrenen. Potentielle Bahnkunden werden also abgeschreckt.“
Laut Testergebnis schätzen Bahnreisende am meisten, das stressfreie und entspannte Reisen und dass die Reisezeit im Zug gut genutzt werden kann. Die Fahrgäste erwarten aber, dass die Bahn pünktlich und sicher ankommt und die Anschlüsse optimal sind. Wenn diese Erwartungen erfüllt würden, könnten sich rund 50 Prozent der Befragten vorstellen, künftig häufiger mit der Bahn zu fahren.
Die Studie zeigt, dass es vor allem drei Punkte sind, die am stärksten kritisiert wurden: die Auswahl des passenden Fahrscheins aus der schier unüberschaubaren Vielfalt von Angeboten und Tarifen, dann der Kauf des Fahrscheins selbst und letztendlich die mangelnden Informationsmöglichkeiten über Fahrplan, Fahrscheine, Ermäßigungen und Fahrscheinkauf. Darum fahren die Menschen nicht mit der Bahn.
Die Tarifsysteme in Nah- und Fernverkehr wurden durchweg schlecht bewertet. Im Nahverkehr noch schlechter als im Fernverkehr. Die breite Vielfalt von Fahrscheinen und Verbund-, Nah-, Fernverkehrs- und Sondertarifen, die sich gegenseitig häufig ausschließen, verwirre selbst passionierte Bahnnutzer. Gehrmann: *Bahnreisende wollen einfach und bequem von A nach B reisen, ohne sich im Vorfeld lange den Kopf über Sparpreise, Kinder- und Seniorentarife oder Sonderregelungen zerbrechen zu müssen. Wir brauchen Vereinheitlichung bei den Bahntarifen, bei Vertrieb, Fahrscheinkauf und Informationsbeschaffungen.“ Mit einem einheitlichen »Deutschland-Tarif«, wie ihn der VCD vorschlägt, könnten mit einem Grundpreis alle Züge des Nah- und Fernverkehrs mit einem einheitlichen Fahrschein genutzt werden. Aufschläge - etwa für ICEs oder Nachtzüge - könnten problemlos im Zug nachgelöst werden.
Nachbesserungsbedarf bestehe auch beim Fahrscheinkauf. Ob Automat, Internet oder Schalter - alle von der Bahn angebotenen Verkaufssysteme wurden von den Befragten als kompliziert und zeitraubend eingestuft.
Heidi Tischmann, VCD-Bahnexpertin: *Am einfachsten wäre es – wie in anderen Ländern längst möglich - in den Zug zu steigen und das Ticket dort direkt kaufen zu können - nicht nur im Fernverkehr.
Fahrscheinautomaten müssen eine einheitliche oder zumindest vergleichbare Bedienoberfläche besitzen. Der persönliche Verkauf in Reisezentren und Bahnagenturen muss erhalten bleiben. Vor allem im Fernverkehr, bei Fahrrad- oder Gruppenreisen ist gute Beratung unerlässlich.“ Fahrscheine, die am Fahrkartenschalter oder in einer Bahnagentur gekauft werden, dürften nicht teurer sein als im Internet oder am Automaten.
Bei fast allen Befragten sind es mangelnde Informationen über die verwirrenden Bahntarife, die sie vom Bahnfahren abhalten. Tischmann: *Umfassende Informationen über die Angebote der Bahn, über Preise, Fahrscheine und Verkaufsstellen sind Voraussetzung dafür, dass mehr Menschen von ihrem Auto in die umweltfreundlichere Bahn umsteigen. Die Informationen müssen verständlich, übersichtlich, vollständig und aktuell sein. Wichtig ist, dass auch Ortsfremde und Menschen, die nicht jeden Tag im Zug sitzen, sie verstehen.“ Es sollte grundsätzlich auch für Menschen ohne Tarif- und Ortskenntnisse in wenigen Schritten möglich sein, das für den jeweiligen Zweck richtige Ticket zu erwerben.
Zudem müssten die Bahnangebote besser aufeinander abgestimmt werden. Flexibilität, Zeitgewinn und Pünktlichkeit sind die wichtigsten Faktoren für die Wahl des Verkehrsmittels – die von der Bhn zur Zeit kaum erfüllt werden. Der VCD fordert daher einen integralen Taktfahrplan nach Schweizer Vorbild, wo alle Züge immer jede Stunde zur gleichen Minute abfahren und ankommen. Tischmann: *Mit dem sogenannten Deutschland-Takt kann das gesamte Bahnangebot so verknüpft und vertaktet werden, dass häufigere und zügigere Verbindungen mit optimalen Umsteigemöglichkeiten entstehen. Vom ICE über die Regionalbahn bis hin zum Bus in der Fläche.“ (News-Reporter.NET/um)







